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David Loder – Text

David Loder
To Be Or Not To Be“ (1942) von Ernst Lubitsch

Eine Betrachtung der feindlichen Kräfte im Film

Der Film und sein Regisseur

Der Film "To Be Or Not To Be" von Ernst Lubitsch ist eine Komödie aus den Anfangstagen des Krieges, die in Deutschland erst im Jahr 1960 in die Kinos kam. Während die heutige Kritik den Film freundlicher aufnimmt und ihn als "einen bravourös gemeisterten Balanceakt zwischen Grauen und Komik, politischer Satire und beschwingter Unterhaltung" (rororo Filmlexikon) beschreibt, ging die Kritik in Amerika zur Zeit des Filmes wesentlich rüder mit Ernst Lubitschs Werk um. Sogar Vergleiche mit Nero musste er sich gefallen lassen ("One has a strange feeling, that Mr. Lubitsch is a Nero, fiddling while Rome burns..." stand in der renommierten New York Times). Im geschichtlichen Kontext war der Zeitpunkt des Films natürlich ungünstig gewählt und auch Charlie Chaplin stieß mit seiner Komödie "The Great Dictator" ein Jahr zuvor auf ähnlichen Widerstand. Auf "Sein oder Nichtsein" reagierte das amerikanische Publikum und die Presse jedoch entrüstet. Überhaupt waren Satiren auf die Nazis in den 30ern verpönt und erhielten nicht die gewünschten Reaktionen. Anders als Chaplin stand Lubitsch jedoch zeitlebens hinter seiner Komödie, die für viele Kritiker als einer der besten Filme seiner Laufbahn gilt: "[.] der als ätzende Satire die Schergen des Nationalsozialismus als Schmierendarsteller beschreibt und die Schauspielertruppe als tragikomische Helden ehrt" (Lexikon des internationalen Films 2001, CD-ROM).

Besonders in den USA unterstellten Kritiker Lubitsch, er ergötze sich auf Kosten des besetzten Polens, der Film sei geschmacklos und verharmlose die Verbrechen der faschistischen Besatzer. Dieser Vorwurf ist in meinen Augen allerdings absurd und entbehrt jeglicher Grundlage, weil wie bereits angedeutet, "Sein oder Nichtsein" erst durch das komplexe Verwirrspiel von Witz, Politik und Theater für das Gleichgewicht in dieser vertrackten Komödie sorgt.

Verunglimpft der Film die Schwächen und Eitelkeiten der Theaterkünstler, der Bürger des unterdrückten Polens, in einer unpassenden Art und Weise und macht er sie lächerlich?

Ich denke nicht, eigentlich hat der Film eher Anti-Nazi-Tendenzen, denn "[.] faschistische Machtrituale werden als theatralischer Bluff entlarvt, die NS-Schergen sind Schmierendarsteller." [1] Vermutlich hätte der Film in dieser Form nie gedreht werden können, wenn die Gräuel der Nazis zu dieser Zeit schon bekannt gewesen wären. Jedenfalls äußerte sich Ernst Lubitsch vor seinem Tod noch einmal über seinen Film und erklärt die Problematik des Plots wie folgt: "Der Film hat viel Polemik herausgefordert und ist meiner Meinung nach ungerechtfertigterweise angegriffen worden. Er mokiert sich nicht über Polen, er war nur eine Satire über Schauspieler, Nazi-Geist und bösen Nazi-Humor." [2]

Der Inhalt

"To be or not to be" ist eine rasante Komödie um eine polnische Schauspielertruppe, die in den Wirren der ersten Kriegstage in den Kampf eingreift und zu einem wichtigen Instrument des polnischen Untergrundes wird.

In einem Rückblick wird die polnische Hauptstadt vor und während der nationalsozialistischen Besetzung zur Kulisse für die Leistungen einer Theatertruppe, den Widerstand zu unterstützen.

Joseph Tura (dargestellt von Jack Benny, einem zur damaligen Zeit sehr bekannten Komödiendarsteller) und seine Frau Maria (Carole Lombard, ebenfalls eine bekannte Protagonistin des Komödienmilieus), sind Teil dieser Künstlergruppe. Nachdem sich der angebliche polnische Agent Professor Siletzky als Verräter entpuppt, werden sie aufgefordert, die Preisgabe von Namen der Widerstandskämpfer zu vereiteln. Dies führt schlussendlich zu einem flotten Verwirrspiel mit zahlreichen Kostümwechseln, amüsanten Auftritten und Abgängen, in dessen Verlauf alle Register der Schauspielkunst gezogen werden.

Die Analyse

In der folgenden Betrachtung beschäftige ich mich mit der Darstellung der Nazis anhand der verschiedensten Szenen, mit der Art und Weise, wie Lubitsch ihre Charaktere angelegt hatte und welches Verhalten diese an den Tag legen. Dazu zählen vor allem jene Szenen, die sie in Interaktion mit den Mitgliedern der Schauspieltruppe zeigen. Vor allem konzentriere ich mich auf die Rolle des Humors in diesen Szenen und gehe aufgrund der umfassenden Ablehnung der Frage nach, ob es legitim ist, die entsetzlichen Bilder und Erlebnisse satirisch aufzuarbeiten.

Die wichtigsten Charaktere der Deutschen

Oberst Ehrhardt:

Ehrhardt ist ein durchschnittlich intelligent wirkender, jovialer Beamter, zwar freundlich in der einen Sekunde aber nicht harmlos. Seine Charakteristik besagt, dass er Probleme hat, Verantwortung zu übernehmen. Anstatt seine Fehler zuzugeben, schiebt er die Schuld immer auf seinen Hauptmann Schulz, den er wiederum genau dieser Eigenschaft beschuldigt. Seine Stimme ist meist weinerlich und er wirkt wie eine Comicfigur, deren Bedrohung aber nicht unterschätzt werden darf.

Hauptmann Schulz:

Ein kleiner Hauptmann, der von Ehrhardt als Ziel seiner Wutausbrüche und Angriffe auserkoren wird. Wie bei ähnlichen Charakteren in vielen Komödien sind seine Vermutungen meist richtig, aber sein begriffsstutziger Vorgesetzter und der Witz und die List der Schauspieltruppe sorgen dafür, dass seine Rechtfertigungen immer ungehört bleiben.

Professor Siletzky:

Anfangs als Verbündeter der polnischen Widerstandsbewegung hatte er noch die Sympathien des Publikums. Er scheint intelligent zu sein, hat sich aber aus bloßem Opportunismus den Deutschen angeschlossen. Dies wird vor allem in der Konversation zwischen Maria Tura und Siletzky deutlich, als er ihr zu helfen versucht und sagt: "[.] that you choose the right side. the winning side!"

Szene 1:
Die Einleitung

Bereits die Einleitung des Films ist ein exzellentes Beispiel für die "Marschrichtung" des Films: Lubitsch und sein Kameramann Rudolph Maté zeigen die Normalität Warschaus im August 1939. Ein Erzähler erklärt: "It all started in the General's Headquarter of the Gestapo in Berlin". Detailaufnahmen geschäftiger Händler in Polens Hauptstadt transportieren auf visueller Ebene den Ort des Geschehens. Dann wird die Geschichte dramatisch: Die Kamera fängt Bilder erschrockener Gesichter in Großaufnahme ein, die Ereignisse überschlagen sich. Der Zuschauer fragt sich in diesem Moment, welches Ereignis die Menschen zu dieser außergewöhnlichen Reaktion nötigt. Am Höhepunkt des Aufruhrs, als sich auch die Stimme des Sprechers schon zu überschlagen droht, sieht man die Auflösung: Adolf Hitler persönlich ist es, eingeführt mit der Beschreibung ".the man with the little mustache, Adolf Hitler", der Warschau seine Aufwartung macht. In der folgenden Sequenz macht sich der Sprecher lustig über Hitlers Essgewohnheiten und fragt sich, ob er vielleicht Interesse an "Maslowskis Delikatessen" hätte, um postwendend hinzuzufügen, dass Hitler doch Vegetarier ist. Gleich darauf kommt eine passende Metapher auf Hitlers Annektierungen zum Einsatz, "[.]Yet he doesn't always stick to his diet, sometimes he swallows whole countries." Diese Aussage nimmt nicht nur die kriminellen Praktiken Hitlers aufs Korn, sondern persifliert präzise den Hang der Menschen, für brutale Aktionen eine harmlose und weniger martialisch klingende Entsprechung zu finden. Doppelbödige Anspielungen und durchdachte Witze finden sich letztlich an vielen Stellen des Films.

Diese "puns" führen uns eine Methode der Satire vor Augen, die höchst effektiv ist: Sie macht den übermächtigen Gegner klein und weniger "furchtbar". Die folgende Erklärung von Satire liefert bereits einige Erkennungsmerkmale, die für mich zum Großteil auch im Film enthalten sind: "An keine bestimmte literarische Form gebundene Gattung, die in geistreicher Sprache Torheiten und Laster verhöhnt, missbilligende Kritik übt und oft in Gestalt von Roman, Gedicht oder auch Drama auftritt. Nach Ansätzen in der griechischen Literatur (Aristophanes) entwickelt sich die Satire bei den Römern zu einer eigenständigen literarischen Gattung (Ennius, Lucilius, Horaz u.a.)." (Diether Krywalski, Knaurs Lexikon der Weltliteratur. München 1992)

Sie nimmt der Gefahr ein wenig die Schärfe, ohne jedoch die Kritik an der zweifelhaften Moral der Nationalsozialisten zu kompromittieren. Die Satire ist "ein literarisches Werk", das aus einer "subjektiven Sicht zeitgenössische Missstände" oder Anschauungen "lächerlich macht". Eingesetzte Stilmittel sind dabei hauptsächlich die "Übertreibung und Verzerrung ins Lächerliche" oder die "Überbetonung negativer Aspekte". (frei nach www.wissen.de)

Der Zuschauer erfährt im Laufe der folgenden Minuten, wie sich die Begebenheit zugetragen hat: Bronski, der Darsteller von Hitler, war erbost über die Kritik des Regisseurs samt Verkleidung auf die Straße getreten, um die Reaktionen der Bürger anzusehen. Diese reagierten wie bereits beschrieben mit Angst und Furcht, bis ein kleines Mädchen vortritt und mit den Worten "Can I have your autograph, Mr. Bronski?" Bronski um ein Autogramm bittet. Der Schauspieler, eitel und geschmeichelt, willigt gern ein, ohne sich dabei bewusst zu werden, dass damit seine Finte auffliegt. Als sich damit herausstellt, dass der Adolf Hitler, der vor ihnen stand, nicht der echte Diktator war, fällt ihre Anspannung deutlich erkennbar von den Bürgern ab. All diese Elemente sind Teil einer Strategie, die ihren Reiz aus den Überlegungen der Verwechslungskomödien beziehen: Diese Elemente mögen im Jahr 2004 nicht mehr neu oder allzu spannend wirken, sie werden aber in dieser Perfektion und Ausgeklügeltheit auf die Spitze getrieben. Die Charaktere sind besser gezeichnet, sie erhalten ein lebensnahes Profil, es gibt den leicht trotteligen SS-Kommandant Ehrhardt, den eitlen Schauspieler Joseph Tura, den falschen Professor Siletzky. Die Figuren wirken ziemlich echt, haben Ecken und Kanten, sind nicht aalglatt und austauschbar.

Und wenn der Regisseur des Theaterstücks den Darsteller Hitlers kritisiert und sagt "[.] he is not convincing, to me he is just a man with a little mustache!" und der Maskenbildner entgegnet "But so is Hitler!" dann lacht man. Es ist ein befreiendes Lachen, vergleichbar mit der Situation, wie eine Anspannung eines Menschen abfällt.

Angesichts dieser Reaktion ist die Frage berechtigt, ob diese Gefühlsregung angebracht ist: In Friedenszeiten sind die Toleranzen in Bezug auf Humor und wie weit man mit Witzen gehen kann höher. Treffen diese Anforderungen auch in Kriegszeiten oder anderen Krisen zu? Ist Lachen erlaubt? Kennt Humor Grenzen des guten Geschmacks und wie weit darf eine Komödie gehen? Eigene Arbeitskreise [3] beschäftigen sich mit diesem Thema und erarbeiteten Beiträge zu dieser Fragestellung. Angesprochen wurde auch die Aussage von Ernst Lubitsch, dass er diesen Film nicht gedreht hätte, wenn die Schrecken der Konzentrationslager bereits bekannt gewesen wären.

Meiner Meinung nach ist aber die Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse mittels Humor ein probates Mittel. Schließlich tendieren Menschen immer dazu, mit Humor über ihre eigene Unsicherheit hinwegzutäuschen oder den Schrecken von hässlichen Erlebnissen zu verarbeiten. Im dritten Reich wurden viele der normalen menschlichen Reaktionen unterdrückt, spontane individuelle Reaktionen damit gehemmt und mussten unterdrückt werden. Anspielungen auf diese Zustände gibt es im Film mehr als einmal: In der Szene, in der ein gewisser "Wilhelm Kunze" im Gestapo-Büro empfangen wird, bekommt man einen "humorigen" Einblick in die Zustände, die in einer faschistischen Diktatur herrschen. Gleichzeitig wird man von Lubitsch und seinen Autoren wieder auf eine falsche Fährte gelockt. In dieser Szene spielt Lubitsch äußerst stark mit der Erwartungshaltung des Publikums und schickt anstatt des erwarteten Verbrechers, den es zu verhören gilt, einen kleinen Jungen ins Zimmer. Danach folgt ein Portrait über die Zustände in Deutschland zu dieser Zeit: Kritik am Machthaber wird unterdrückt, Kritiker werden denunziert. Einer der "Nazis" lacht angesichts des Witzes, dass nach Napoleon ein Brandy benannt, aus Bismarck ein Hering gemacht wurde und Hitler "as piece of cheese" enden wird. Daraufhin verstrickt er sich in Widersprüche und quasi als Allheilmittel fällt ihm nur die Möglichkeit ein, seiner unvorteilhaften Lage durch ein beherztes "Heil Hitler" zu entkommen.

Natürlich ist dem Betrachter einige Minuten später klar, dass die Szene nur Teil des Theaterstücks war allerdings steckt in dieser Darbietung mehr als ein Funken Wahrheit. "Wo schon Witze nicht zugelassen sind, kann mit der Menschlichkeit etwas nicht stimmen." [4]

Selbst Mitglieder des Systems können nicht widerstehen und zeigen menschliche Regungen. Doch in einem unbarmherzigen System, in dem ein Menschenleben nichts wert ist, weicht diese Regung einem verschämten Blick und der Angst, jemand könnte dies gesehen oder gehört haben.

Szene 2:
Joseph Tura (als Oberst Ehrhardt) und Professor Siletzky

In der Hoffnung, die verräterischen Dokumente zurückzuerlangen, schlüpft Joseph Tura in die Rolle des Oberst Ehrhardt und empfängt Professor Siletzky in dem - zum Gestapo-Hauptquartier umfunktionierten - Theater. "I will surpass myself" sagt er zu seinem Regisseur, der ihn zur Zurückhaltung auffordert.

In seinem wiederholten Ausspruch "So, they call me Concentration-camp Ehrhardt!" offenbart sich seine Hilflosigkeit. Wir (das Publikum) lachen, aber "[.] nicht wegen der ursprünglichen (im übrigen gar nicht komischen) Tatsache, dass da jemand "Concentration-camp Ehrhardt" genannt wird. Wir lachen, weil wir im Wissen um die Grausamkeit der Konzentrationslager nicht anders mit dieser unglaublichen, bodenlosen Unverhältnismäßigkeit fertig werden können." [5]

In mehreren Einstellungen wird die Nervosität Turas deutlich, er knetet unruhig seine Finger. Tura versucht in dieser Situation seine Unsicherheit mit Gelächter zu überspielen, jedoch wird der Professor misstrauisch als sich der falsche Oberst Ehrhardt immer mehr für Maria Tura und ihren Geliebten zu interessieren beginnt. Als Joseph Tura zur Türe springt, diese versucht zu öffnen, wird der Professor misstrauisch, Tura ist auf dem besten Weg seine Tarnung zu verlieren. Ironischerweise fragt Siletzky den sich immer wiederholenden Tura "Mind if I am repetitious?" Er äußert seine Vermutung, dass sich nur der Ehemann solche Sorgen um Miss Tura machen müsste und bedrängt den falschen Oberst. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen, der Professor zieht einen Revolver und hält Tura in Schach um aus dem Raum zu fliehen. Einige Schüsse fallen. Die Kamera folgt ihm nicht sofort in den Raum, nur die akustische Ebene wird wahrgenommen - folglich wird der Zuschauer im Ungewissen gelassen , ob der tatsächliche Professor bereits tot ist oder ein anderer von ihm erschossen wurde. Nach der relativ statischen Unterhaltung wird die Szenerie dynamisch: Durch die Schüsse aufgeschreckt, stürmen die Helfer Turas ins Zimmer und durchsuchen das Theater. Hektische Kameraschwenks dominieren die Sequenz, dazu kommt der Einsatz eines Scheinwerfers, der immer nur einen kleinen Ausschnitt sichtbar macht. Als Siletzky über die Bühne "backstage" flüchten will, erfasst der Scheinwerfer ihn und verfolgt ihn unerbittlich. Auf Kommando von Dobosh wird der Vorhang geöffnet, ein Schuss fällt und auf der Bühne stirbt der Professor einen theatralischen Tod und komplimentiert damit das von Tura gewohnte und bekannte Schauspiel einer irrealen Situation.

Dies führt zu einem weiteren Punkt, den Ernst Lubitsch mit seinem Film ansprechen wollte. In mehreren Briefen, die er als Reaktion auf die teilweise untergriffigen Kritiken an die vorwiegend amerikanischen Zeitungen sendete, beklagt er das Unverständnis , auf das seine Filme stießen. So schreibt er in einem Brief an den "Philadelphia Inquirer": "[.] Was ich gegeißelt habe, das sind die Nazis und ihre lächerliche Ideologie. Ich habe auch die Haltung von Schauspielern gegeißelt, die immer Schauspieler bleiben, wie gefährlich die Situation auch sein mag, wobei es sich meiner Meinung nach um eine wahrheitsgemäße Beobachtung handelt. [.]" [6] Diese Absicht, die Selbstverliebtheit der Schauspieler bewusst zu machen, wird untermauert durch Joseph Turas ständige Formulierung ". the great, great Polish actor Joseph Tura.", der in beachtlicher Regelmäßigkeit strapaziert wird und der Absicht von Tura "I will surpass myself". Dobosh murmelt beim Verlassen der Szene noch: "I hate to leave the fate of my country in the hands of a ham.", worauf ihm Tura noch einen bitterbösen Blick nachwirft.

Schlussendlich wird ihm diese Unfähigkeit , den Ernst der Lage zu erkennen , fast zum Verhängnis , als er trotz allem - mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Frau ihn mit Leutnant Sobinski betrogen haben soll - aus der Rolle fällt und allzu deutliche Reaktionen zeigt, die nur ein Ehemann haben kann.

Szene 3:
Joseph Tura (als Professor Siletzky) und Oberst Ehrhardt

Ernst Lubitsch und sein Drehbuchautor Edwin Justus Mayer erkannten auch die herrschende Doppelmoral der Nazis. Deutlich wird die verquere Einstellung in der Debatte des falschen Professors Siletzky mit Oberst Ehrhardt, als der rangniedrigere Hauptmann Schultz die Verantwortung an einer Exekution an seinen Vorgesetzten abschiebt. Als der Hauptmann den Raum verlässt, kommt Tura auf die Hierarchie zu sprechen und Oberst Ehrhardt lässt seinem Ärger freien Lauf: ".. there is always something wrong with a man who doesn't smoke, doesn't drink, doesn't eat meat." Tura unterbricht ihn, da die genannten Attribute auf Hitler ebenso zutreffen: "You mean our fuhrer?" Ängstlich bemüht sich Oberst Ehrhardt um Schadensbegrenzung: "Oh noo, no... please.". Dies ist nur ein Beispiel für die Praxis, mit zweierlei Maß zu messen.

Lubitsch setzt die schärfste Waffe gegen die Nationalsozialisten ein, die ein Mensch im Kampf gegen einen übermächtigen Gegner ergreifen kann, das Lachen. Zu diesem Thema fand ich eine weitere interessante Beschäftigung mit dieser Problematik: "[.] er stellt auch sie in ihrer kleingeistigen Lächerlichkeit dar, schutzlos, dem Lachen ausgeliefert. Wenn man weiß, dass Goebbels Traumsequenzen in Filmen verbieten ließ, weil darin Freiheiten und Möglichkeitsräume schlummerten, dann kann es nicht verwundern, wie gereizt das Regime auf diejenigen reagierte, die es nicht ernst nahmen." [7]Die Tradition des jüdischen Witzes wird in "Sein oder Nichtsein" fortgeführt, gewissermaßen könnte man von vornherein annehmen, dass sich der jüdisch-stämmige Regisseur auf diesem Weg der Unterdrückung entgegenzusetzen versucht. Zu dem typischen Witz in dieser Komödie habe ich noch ein sehr zutreffendes Zitat gefunden, das die Essenz des "jüdischen Witzes" zusammenfasst: "Der jüdische Witz nimmt in der Weltliteratur eine Sonderstellung ein. Er ist tiefer, bitterer, schärfer, vollendeter, dichter, und man kann sagen, dichterischer als der Witz anderer Völker. Ein jüdischer Witz ist niemals Witz um des Witzes willen, immer enthält er eine religiöse, politische, soziale oder philosophische Kritik. Er ist faszinierend, denn er ist Volks- und Bildungswitz zugleich, jedem verständlich und doch voll tiefer Weisheit."

Szene 4:
Joseph Tura und der tote Siletzky

Eine Gegebenheit macht diese Szene besonders interessant: Innerhalb der gewohnten Inszenierung, in der Joseph Tura den bereits ermordeten Professor Siletzky verkörpert, gibt es eine weitere Aufführung in dieser Inszenierung, als Tura von den Nazis mit dessen Leichnam konfrontiert wird. Während Oberst Ehrhardt sich mit den Soldaten über die weitere Vorgehensweise berät, entdeckt Tura den Leichnam und fasst geistesgegenwärtig einen ausgefeilten Plan.

Wie schon Friedrich Dürrenmatt in seinem 1958 erschienenen Werk "Biedermann und die Brandstifter" seinen Feuerleger frech sagen ließ: "Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. (...) Aber die beste und sicherste Tarnung (...) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand." Auf eine ähnliche Weise spielt Tura, seine Enttarnung vor Augen, und erzeugt künstlich eine gefährliche Situation, indem er seine Identität als Professor Siletzky selbst als fraglich hinstellt: "This really looks bad for me!" wiegt er Ehrhardt in (falscher) Sicherheit. Der Oberst ist sich seiner Überzeugung, die Leiche des tatsächlichen Professors vor sich zu haben, so sicher ("[..] why don't you pull his beard?" fragt er den falschen Professor), dass er ohne Bedenken selbst an dessen Bart zieht. Als dieser jedoch nachgibt und sich ablösen lässt, fällt der Gestapo-Mann aus allen Wolken. Seine Sicht der Wahrheit wurde dadurch derartig erschüttert, dass er nun vom Zweifler an Siletzky's (Tura) Identität zum überzeugten Freund Siletzkys konvertiert ist. Sehr zum Missfallen von Captain Schultz, der den Ärger als erster Untergebener zu spüren bekommt: "Schultz! How dare you to put me into this position?"

Die Rolle der Deutschen in heutigen Filmen

Ein Gedanke drängt sich beim Betrachten dieses Filmes auf: Darin liegt einerseits sicher einer der Gründe warum Lubitsch mit seinem Film auf solch heftige Kritik gestoßen ist aber andererseits auch der Grund, warum diese Komödie so gut funktioniert. Lubitsch macht sich keine Illusionen: Er schildert die Nazis nicht durchgehend als Fanatiker und ideologisch verseuchte Monster, in seinem Plot begehen sie ebenso Fehler, zeigen menschliche Empfindungen wie die "guten" (als moralische Wertung) polnischen Theaterschauspieler. Damit entspricht er zu keinem Zeitpunkt dem üblichen Image des (besonders zu diesem Zeitpunkt) zu Propagandazwecken verpflichteten Hollywood vom bösen deutschen Soldaten. Der Journalist Andreas Furler bringt diese Erkenntnis mit dem folgenden Zitat auf den Punkt: "Sie unterscheiden sich im Prinzip überhaupt nicht von den Helden, haben die gleichen menschlichen Schwächen, sind unheroisch, eitel, eifersüchtig und mäßige Komödianten wie diese." [9]

Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass auf Grund Lubitschs jüdischer Abstammung und angesichts des Kriegsbeginns eine gehörige Portion Patriotismus auf Seiten der Polen mitspielt und die deutschen Widersacher keine Gelegenheit auslassen, ein möglichst inkompetentes - aber gleichzeitig glaubhaftes - Verhalten an den Tag legen zu können. Bei aller Dummheit und ideologischem Wahnsinn, wurden die Deutschen doch nicht als folternde, brutale Monster portraitiert, was von Siletzky in seiner Unterredung mit Maria Tura eindrucksvoll unterstreicht: "We are not brutal, we are not monsters."

In diesem Zusammenhang kam Disneys Kurzfilm "Der Fuehrer's Face" (Ehemals "Donald Duck in Nutziland") zu größerer Bekanntheit. In diesem Film spielt Donald Duck einen Arbeiter einer Munitionsfabrik in Nutziland, der Hunger und harte Arbeit erdulden muss und dabei ständig seinen Führer grüßen muss. Plötzlich erwacht er und findet sich im Schatten der Freiheitsstatue wieder. Die Aussage des Films ist ein Produkt der Filmindustrie der vierziger Jahre.

Textzeilen wie "When der Fuehrer says, "Wer ist der master race"/We HEIL! HEIL! Right in der Fuehrer's face/Not to love Der Fuehrer is a great disgrace/So we HEIL! HEIL! Right in der Fuehrer's face" [10] gingen sicherlich nicht spurlos an der Einstellung der Amerikaner vorbei und prägten das Bild der Deutschen in unzähligen Hollywood-Produktionen.

In vielen weiteren Filmen, selbst in heutiger Zeit, wird Deutschen gerne die Rolle des Schurken zugeschanzt oder ein zackiger, deutscher Akzent als Inbegriff der Bösartigkeit gewertet. Beispiele umfassen "Stirb langsam 3: Jetzt erst recht", die "Indiana Jones"-Trilogie oder die James Bond-Serie - selbst Klassiker wie "Casablanca" dienten der Propaganda (Anm. des Verf.: In vielen der genannten Filme wurde diese Gegebenheit durch die deutsche Synchronisierung wieder relativiert, viele Schurken mit deutschen Dialekten wurden anders synchronisiert).

Mein Resümee

Wie aus den erwähnten Zitaten und Ausschnitten von Zeitungsartikel hervorgeht, stieß der Film während des Krieges auf breite Ablehnung und wurde mit den abenteuerlichsten Kritiken verrissen. Erst Jahre später begriff die breite Bevölkerung die Bedeutung dieses Filmes und die missverstandenen Positionen von Ernst Lubitsch.

Natürlich kann man Zitate wie "Was der mit Shakespeare gemacht hat, das machen wir heute mit Polen" oder "We do the concentrating, the Polish do the camping" sehr leicht missverstehen und nur allzu leicht kann man Lubitsch angesichts dieser Witze unterstellen, die Thematik nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit angegangen zu sein.

Das Zitat von Shylock, das in dem Film zweimal erwähnt wird, steht quasi als allgemeine Moral unter dem Film, Lubitsch wollte sicher nicht die Verteufelung der Nazi oder die Verharmlosung der Verbrechen erreichen, vielmehr lese ich aus dem Film heraus, dass er Menschen nicht als Monster darstellen wollte, sind wir im Endeffekt nicht alle gleich?

"If you prick us, do we not bleed? If you tickle us, do we not laugh? If you poison us, do